Stiller Abschied

Tag 16 – Zwischenstand

Die Nacht in der Herberge war wohl die schlechteste von allen. Kurz nach Mitternacht polterte noch ein Gast herein, raschelte, kramte, öffnete das Fenster – und mit einem Schlag war der Straßenlärm da… und die Kälte. Das Bett hing durch, Renate und ich lagen wie zwei Fragezeichen darin und sind am Morgen ziemlich verbogen und gerädert aufgewacht.


Frühstück gab’s in der Bar eines anderen Hotels. Ein letzter Kaffee, ein letzter Blick – €16.




Dann weiter zum Busbahnhof. Die Tickets hatten wir ja schon in der Tasche. Der Bus bringt uns zurück nach Sevilla, und am Sonntag geht’s über Frankfurt wieder heim nach Wien.




Die Busfahrt zurück war überraschend schön. Wir sahen viele Stationen unseres Weges noch einmal – nur diesmal aus einer ganz anderen Perspektive. Straßen, die wir mühsam entlanggegangen sind, Orte, an denen wir geschwitzt, gelacht oder geflucht haben… plötzlich ziehen sie einfach am Fenster vorbei. Ein bisschen wie ein leiser Rückblick.


In Sevilla angekommen spazierten wir gemütlich zu unserer reservierten Herberge. Ganz entspannt. Wir hatten ja angerufen. Tja. Hatten wir. Nur leider… hatten wir keine Betten.🙈




Diese Woche ist die Feria de Abril in Sevilla. Eines der wichtigsten und traditionellsten Feste überhaupt. Und das heißt: kein Bett in der ganzen Stadt. Also wieder mal Plan B: Booking. Das günstigste Hostel gesucht – ein Bett um €40. Schon beim Reingehen war klar: Das ist… sagen wir mal… sehr einfach gehalten. 😄 Und ja… es stellte sich als eine Art Treffpunkt für hauptsächlich schwarzafrikanische Männer heraus. 🙈 Aber ganz ehrlich? Wir hatten ein Bett.

Und nach diesem Weg relativiert sich plötzlich sehr vieles. Also: Sachen ablegen – und dann ab in die Stadt. Tapas essen. 🍷🥘 Genau so muss ein Camino enden.


Und plötzlich ist er da… dieser Moment, wo man stehen bleibt – innerlich zumindest.


Der Weg hat mir einiges abverlangt. Er war oft gerade, weniger bergig als andere Caminos – aber die Hitze war unerbittlich. Und patschert war ich, wie immer auf meinen Wegen. 🤣


Auch wenn ich es nicht jeden Tag geschrieben habe: Ich bin eigentlich jeden Abend mit Schmerzen in der Herberge angekommen. Der Sturz im Badezimmer hat seinen Teil dazu beigetragen. Meine Packung Seractil ist jedenfalls fast leer.


Was mir im ersten Drittel der Via de la Plata gefehlt hat, waren die kleinen, unbefestigten Wege… die urigen Dörfer… das ursprüngliche Leben am Weg. Vieles war breit, offen, funktional. Wenig verspielt, wenig versteckt. Fast so, als würde dieser Camino sagen: „Hier geht’s nicht ums Staunen – hier geht’s ums Durchhalten.“


Ideal ist er für Radpilger – breite Schotterwege, viel Raum. Für uns Fußpilger war es oft ein stiller Kampf – gegen die Hitze, gegen die Müdigkeit und manchmal auch gegen den eigenen Körper.

Gehen sollte man ihn im März oder April. Später wird die Sonne zum Gegner.


Wir sind nicht so weit gekommen, wie ich ursprünglich gedacht habe. Ab Mittag wurde es oft unerträglich heiß, und ich wurde… langsam. Sehr langsam. Eine Trinkpause nach der anderen. Eine kleine Schnecke auf Pilgerreise. 🐌


Und trotzdem… haben wir unglaublich viel geschafft. Ich würde so gerne weitergehen. Weiter bis nach Santiago… vielleicht sogar bis Muxía. Aber diesmal endet mein Weg in Cáceres. Der Alltag ruft.


Doch eines ist sicher: Renate und ich kommen wieder. Und wir gehen weiter. Denn das Schönste an all meinen Jakobswegen war nie das Ziel. Es war dieses Gefühl am Abend… wenn ich im Bett lag… müde, erschöpft – und gleichzeitig ruhig, glücklich, zufrieden. Ein leises: „Es passt.“



Zusammenfassung:

Offizielle Strecke von Sevilla nach Cáceres: 287 km

Tatsächlich gegangen: 352,8 km

Wetter: viel zu heiß 🥵

Summe aller Aufstiege: ca. 3.900m
Summe aller Abstiege: ca. 3.800m

Ich habe vielleicht noch immer nicht gefunden, wonach ich suche… aber ich bin dem Ganzen – Schritt für Schritt – wieder ein Stück näher gekommen. ❤️


Buen Camino 

Eure Charlie 

Kommentare

  1. ❤️🥰😊 Danke fürs Mitnehmen! Obwohl ich deinen Weg nur mitgelesen habe, fühle ich, als wäre ich ihn mit dir und Renate mit gegangen. Kommt gut nach Hause ihr 2!

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    1. Danke dir von Herzen ❤️
      Es berührt mich sehr, dass du das Gefühl hattest, mit uns unterwegs zu sein.
      Genau das ist für mich der Zauber dieses Weges – dass er verbindet, auch über Entfernung hinweg.
      Wir kommen gut nach Hause… und doch bleibt ein Teil von mir irgendwo dort draußen, zwischen Himmel, Staub und diesen stillen Momenten 😊

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  2. Ich freu mich wirklich sehr über eure Kommentare hier im Blog und auch über die vielen lieben Nachrichten auf WhatsApp – das begleitet mich richtig schön auf meinem Weg. 🌿

    Der Blog ist bewusst so eingestellt, dass man sich nicht anmelden oder registrieren muss, damit es ganz unkompliziert bleibt. Wenn ihr anonym kommentiert, wäre es aber fein, wenn ihr zumindest einen kleinen Hinweis dazuschreibt – ein Spitzname, Initialen oder euer Vorname reichen völlig. 😊

    So wird’s für mich einfach persönlicher und ich kann eure Worte besser zuordnen. Danke euch!

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